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Im Gepräch mit Kankyo Tannier

Kankyo Tannier über Stille, Entschleunigung und das Leben im Kloster

Liebe Kankyo, du bist Zen-Nonne. Deine Entscheidung, Nonne zu werden, hast du recht schnell getroffen. Was hast du davor gemacht?

Ja, tatsächlich habe ich mich ganz schnell entschlossen ins Kloster einzutreten.
Ich habe sehr früh, mit 16 Jahren, Abitur gemacht und dann begonnen Jura zu studieren. Damals war ich noch sehr jung und wusste eigentlich nicht was ich mit meinem Leben machen möchte. Irgendwann habe ich mit dem Singen begonnen, Jazz und französische Chansons. Später habe ich auch Kurse gegeben.
In den 90er Jahren kam mir ein Buch vom Dalai Lama in die Hände. Zu der Zeit gab es noch wenig Literatur aus diesem Bereich. Das Buch hat mich sehr bewegt! Nach der Lektüre habe ich im Sommer an einem Studenten-Retreat teilgenommen. Das war so eine unglaubliche Erfahrung. Sechs Monate später bin ich ins Koster eingetreten.

Wie sieht dein Alltagsleben als Nonne aus?

Der Tag im Kloster beginnt sehr früh. Wenn ich im Kloster bin, stehe ich um 04.30 oder 05.00 Uhr auf. Um 6.30 Uhr beginnt die Meditation, auch Zazen genannt, mit speziellen Ritualen.
Wir praktizieren diese Meditation nicht nur für die eigene persönliche Entwicklung, sondern vor allem, um einen heilenden Beitrag für die ganze Welt zu leisten.
Wenn ich bei mir zu Hause bin, stehe ich auch sehr früh auf und gehe in den Wald. Den Tagesbeginn in der Natur zu erleben ist magisch. Anschließend meditiere ich.
Im Kloster nehmen wir um 8.00 Uhr das Frühstück in Stille mit einem speziellen Ritual ein. Im Anschluss widmen wir uns gemeinsamen Aktivitäten, die der Gemeinschaft dienen.
Ich bin zum Beispiel für die Öffentlichkeitsarbeit und für Social Media zuständig. Ich schreibe viel und kümmere mich um die Homepage des Klosters, Facebook und so weiter.
Das Mittagessen wird ebenfalls in Stille gegessen und auch der Nachmittag wird Aktivtäten für die Gemeinschaft gewidmet. Häufig besuche ich auch unsere Pferde und kümmere mich um sie. Ich füttere sie und striegle ihr Fell. Eine schöne Aufgabe, ich komme dann ganz bei mir an. Die Tiere lehren mich was wirkliche Stille bedeutet.

War es schwer Meditieren zu erlernen?

Am Anfang ist es mir nicht leicht gefallen, über eine lange Zeit unbeweglich und in Stille zu sitzen. Doch mit mehr Übung wurde es immer einfacher und ich hatte plötzlich das Gefühl, nach Hause zu kommen. Das Gefühl, wieder mit meinem Körper eins zu werden. Es war eine große Erleichterung! Ich habe direkt gesagt: Oh das ist die Erfahrung meines Lebens!

Dein Leben als Nonne unterscheidet sich sehr von dem Leben, das wir uns typischerweise als Nonnen-Leben vorstellen.

Das mag stimmen. Obwohl ich Nonne bin, möchte ich in die moderne Gesellschaft integriert sein. Ich möchte nicht abgeschieden leben, sondern mittendrin. Deswegen beschäftige ich mich auch mit Social Media und mache YouTube-Videos und Podcasts für Anfänger, damit sie die Meditation besser verstehen können. Zusätzlich reise ich viel und spreche auf Konferenzen, um diese Praxis mit den Menschen zu teilen und weiter bekannt zu machen.
Ich achte aber sehr darauf, nie zu lange und zu häufig unterwegs zu sein. Für mich ist ein Gleichgewicht wichtig zwischen meinem Wunsch möglichst vielen Menschen von dem Geschenk der Meditation zu erzählen und der Stille und Ruhe des Klosters und der Natur.

Dein Buch heißt „Stille“. Hat dich Stille schon vor deinem Leben als Nonne beschäftigt?

Nein, gar nicht. Bis ich mit 26 Jahren ins Kloster eingetreten bin, war ich eher an anderen Dingen interessiert, dem Nachtleben, Konzerten und Disko. Im Kloster war ich dann wirklich erschreckt von der Stille. Davor wollte und konnte ich nicht gut alleine sein, ich war wirklich ein anderer Mensch.

Wo erfährst du wirkliche Stille?

Im Wald, in der Natur, da kann ich Stille wirklich erfahren. Jeden Morgen, wenn ich die wilden Katzen, die um das Kloster herum leben, besuche und sie füttere. Dann bleibe ich bei ihnen, wenn sie fressen und schaue ihnen zu. Es ist kein anderer Mensch in der Nähe, nur die Tiere und die Natur. Das ist so toll und ich genieße es sehr.

Was bedeutet Stille in unserer heutigen lauten Welt, die vor allem für junge Menschen durch die sozialen Netzwerke geprägt ist?

Das ist eine sehr wichtige Frage. Die Menschen müssen ja nicht alle im Wald leben, um Stille zu erfahren. Es ist auch in der Stadt möglich, Stille zu erfahren. Es geht ja um die innere Stille, wie kann ich die erleben? In meinem Buch geht es genau darum, wie ich als Stadtmensch diese innere Stille wiederfinden kann.
Was das Leben mit den sozialen Netzwerken angeht, ist es mir wichtig, Geist und Körper wieder in eine Einheit zu bringen. Wenn man zum Beispiel am Computer arbeitet, ist es wichtig, dass man nicht völlig davon hypnotisiert wird. Stattdessen sollte man darauf achten, bewusst in seinen Gedanken zu sein, achtsam seine Gedanken zu beobachten. Auch ein klares Bewusstsein und Gefühl für seinen Körper zu entwickeln ist sehr wichtig. Dann stellt sich plötzlich ein großes Gefühl der Ruhe ein und viel Raum um uns herum scheint zu entstehen. Durch gezielte Achtsamkeitsübungen, Atemübungen, Kontrolle der Gedanken, lernt man, sich besser zu konzentrieren und sich dadurch nicht so gänzlich von den sozialen Netzwerken vereinnahmen zu lassen.

Im Kloster wird jedes Jahr ein Schweige-Retreat abgehalten, das vom Abt geleitet wird. Welche Erfahrungen hast du dabei über die Jahre gemacht?

Ja, da meditieren wir den ganzen Tag in Stille. Es beginnt noch früher als sonst, um 04.00 Uhr und endet erst am Abend gegen 21.00 Uhr.
Als junge Nonne überkamen mich während der Meditation immer sehr viele Emotionen wie Ärger, Traurigkeit oder Wut. Da fiel es mir noch sehr schwer diese loszulassen. Über die vielen Jahre wurde es aber immer leichter, die Emotionen kommen und auch schnell wieder gehen zu lassen. Heute fließen sie in gewisser Weise durch mich durch, sie sind bei mir nicht mehr bleibend zu Hause. Nun kann ich mich viel leichter mit den Elementen und der Energie des Universums verbinden.

Wie kann man diese schönen Erfahrungen eines Schweige-Retreats in den Alltag übertragen?

Für das Buch habe ich meine „Stille-Kur“ entwickelt, eine Anleitung, wie man die innere Stille auch in einen stressigen Alltag holen kann.
Es gibt Übungen und kleine Express-Meditationen, die uns im Alltag helfen, aufmerksam die eigenen Gedanken und Emotionen zu betrachten. Je mehr wir uns bewusst werden, desto freier werden wir im Leben. Das Wissen über die eigenen Gedanken, den Körper und das Atmen, gibt uns die Freiheit, selbst zu entscheiden, wie wir leben möchten.

Entdecken Sie die Originalversion dieses Artikels über dem Website ARKANA Verlag.

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